Qualitative Sozialforschung an der Bonner Tafel

Studierende bei der Bonner Tafel

Im Juni und Juli dieses Jahres nahmen Studentinnen und Studenten des Fachbereichs „Soziologie“, mit verschiedenen Arbeitsaufträgen ausgestattet, die Bonner Tafel unter die Lupe. Auszugsweise veröffentlichen wir hier nun den Ergebnisbericht, der einen etwas anderen Blick auf die Arbeit unseres Vereins gestattet.

Wir bedanken uns bei allen Mitwirkenden. Unser besonderer Dank gilt Herrn Dr. Julian Hamann, der uns den Text zur Verfügung gestellt hat.

Marianne Baldus

Qualitative Sozialforschung an der Bonner Tafel. Ein Ergebnisbericht

Jede Woche erhalten regelmäßig über 4500 Bedürftige Lebensmittel. […] Etwa die Hälfte der Ware geht an 680 registrierte private Haushalte, die uns ihre Bedürftigkeit nachgewiesen haben.

So beschreibt die Bonner Tafel auf ihrer Website nüchtern ihre Arbeit. Doch wer sind diese Bedürftigen? Welche Rolle spielt Ernährung für sie? Mit den Methoden der qualitativen Sozialforschung können diese Fragen bearbeitet und die Zahlen ergänzt werden.

Dass sozialwissenschaftliche Methoden dabei keine neutralen Instrumente sind, sondern den Gegenstand, auf den sie angewendet werden, wesentlich mit formen, war der Lerninhalt eines Seminars, das den Nexus von Armut und Ernährung im Sommersemester 2017 erforscht hat. Im Rahmen des Seminars an der Universität Bonn haben sechs Gruppen von je zwei bis drei Studierenden vier Wochen lang Interviews mit Kundinnen und Kunden der Tafel geführt, als teilnehmende Beobachterinnen und Beobachter den Tagesbetrieb begleitet oder anhand einer Dokumentenanalyse die Berichterstattung über die Bonner Tafel untersucht. Dieser Bericht basiert auf den Forschungsberichten der Arbeitsgruppen und fasst einige zentrale Ergebnisse zusammen.[siehe Fußnote 1]

Angebotsorientierung: Das Angebot der Bonner Tafel ist notwendigerweise abhängig von den Lebensmitteln, die Supermärkte, Reformhäuser und Discounter zur Verfügung stellen. Die Tafel verfolgt das Ziel, eine Brücke zwischen Lebensmittelüberfluss und -verschwendung auf der einen und Bedürftigkeit und sozialstaatlicher Unterversorgung auf der anderen Seite zu bauen. Dabei richtet sich das jeden Morgen mit Lieferwagen eingesammelte Essen nach der Verderblichkeit von Produkten und nach dem saisonalen Angebot der Supermärkte. An manchen Tagen werden also kiloweise Erdbeeren ausgeteilt, und auch an der Tafel gibt es eine Spargelzeit. Die wichtigste Qualitätskontrolle führen freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits bei der Abholung durch; viele Lebensmittel müssen schon bei den Supermärkten aussortiert werden, weil sie abgelaufen sind. Die teilnehmende Beobachtung des täglichen Betriebs an der Tafel hat gezeigt, dass diese Organisation des Angebots aufwändig ist und einen – auf den ersten Blick nicht sichtbaren – Großteil des Tages in Anspruch nimmt.

Zweckmäßigkeit: Die Interviews haben verdeutlicht, dass Kundinnen und Kunden der Tafel in der Regel ein eher zweckmäßiges Verhältnis zur Ernährung haben (müssen). Sie konzentrieren sich in erster Linie darauf, ein ausreichendes Auskommen mit Lebensmitteln sicherzustellen. Zwar ist den Bedürftigen eine grundsätzliche Vielfalt willkommen, doch für genauere Präferenzen oder gar Wahlfreiheit ist oft kein Raum. Die abstrakte Idee eines Grundbedarfs an Lebensmitteln gibt es – nicht nur aus Gründen der sprachlichen Kompetenz – bei wenigen. Ernährung hat daher den Charakter einer eher nüchternen Versorgung. Die entscheidende Frage beim Umgang mit Lebensmitteln ist, dass sie genießbar sind. Nichtsdestotrotz äußern sich Kundinnen und Kunden dankbar für das Angebot der Tafel und das Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Persönliche Vorlieben: Zwischen Zweckmäßigkeit und Angebotsorientierung existieren dennoch bescheidene Strategien, um individuellen Vorlieben gerecht zu werden. Bei der teilnehmenden Beobachtung ist aufgefallen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tafel versuchen, auf die Wünsche und Bedürfnisse Einzelner einzugehen. Das ist besonders bei Kundinnen und Kunden möglich, die regelmäßig kommen und ihre Vorlieben entsprechend artikulieren. Bedürftigen, die Probleme mit der deutschen Sprache haben, fällt es dagegen oft schwerer, ihre Wünsche zu äußern. Kundinnen und Kunden selbst tauschen Essen manchmal nach der Ausgabe miteinander. Erhalten sie außergewöhnliche Lebensmittel, sind sie darüber nicht nur besonders dankbar, sondern nehmen dies als Wertschätzung ihrer Person wahr. In Interviews wurde von zwei zentralen Strategien beim Einkaufsverhalten berichtet, mit denen die von der Tafel erhaltenen Lebensmittel ergänzt werden: Auf der einen Seite eine spontane Reaktion auf jeweilige Sonderangebote; auf der anderen Seite eine gewissenhafte Planung, bei der in größeren Mengen eingekauft und das Essen portioniert und eingefroren wird.

Soziales: Besonders aus der Perspektive der teilnehmenden Beobachtung hat sich die Tafel als sozialer Treffpunkt verschiedener Gruppen erwiesen. Interaktionen der Kundinnen und Kunden untereinander sind vielfältig. Es gibt durchaus Personen, die an der Tafel eher für sich bleiben wollen. Hier setzt sich womöglich das zweckmäßige Verhältnis zur Versorgung durch die Tafel fort, auch kann das ein Zeichen dafür sein, wie schambehaftet Armut aufgrund gesellschaftlicher Stigmatisierung sein kann. Andere Kundinnen und Kunden nutzen die Tafel offensichtlich, um sich auszutauschen und Bekannte wiederzusehen. Manche scheinen sich für die Tafel besonders sorgfältig zu kleiden, sie sehen den Besuch möglicherweise auch als kleines soziales Highlight ihres Alltags. Die soziale Dynamik an der Tafel scheint unabhängig davon stark von einzelnen Wochentagen abzuhängen, an denen sowohl die Mitarbeiterschaft als auch die Kundschaft durchwechseln.

Interkulturelles: Obwohl die Tafel für viele als Treffpunkt und Ort des Austauschs dient, fällt bei der Beobachtung auf, dass interkulturelle Interaktion selten ist. Das ist bemerkenswert, weil die ethnische Vielfalt an der Tafel hoch ist, sie wird von Menschen aus Deutschland, aber auch stark von Personen mit Migrationshintergrund oder Geflüchteten genutzt. Der Grund für die geringe interkulturelle Interaktion scheinen zum einen Annäherungsschwierigkeiten zwischen ethnischen Gruppen zu sein. Zum anderen können ethnische Differenzen aber auch von Differenzen zwischen Bildungsschichten überlagert sein. In Übereinstimmung mit den Befunden der Migrationssoziologie hat sich gezeigt, dass Gruppen von Migranten und Geflüchteten eine unterschiedliche Bildungsherkunft aufweisen, aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit aber in Deutschland sozial exkludiert sind. Hier deuten sich die unterschiedlichen Schicksale und Lebensgeschichten an, die von der Tafel zusammengeführt werden. Im Kontext der Essensausgabe bleiben arabischstämmige, Russisch sprechende und deutschsprachige Bedürftige jedoch eher unter sich. Auch Misstrauen oder Missgunst scheinen oft entlang ethnischer Linien zu verlaufen. Sprachbarrieren spielen bei der Lebensmittelausgabe vor allem zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Bedürftigen eine Rolle. Die Kommunikation läuft dann oft über Gesten ab. Auch die Durchführung von Interviews wurde dadurch erschwert. Interessanterweise spiegelt sich die kulturelle Vielfalt nicht in der Berichterstattung über die Bonner Tafel. Die Dokumentenanalyse von Zeitungsartikeln zeigt, dass die einzige Personengruppe, die regelmäßig konkret genannt wird, Geflüchtete sind.

Diese Zusammenschau der Ergebnisse beruht auf den Berichten aller Projektgruppen.

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Fußnote 1: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminar sind im Einzelnen: Mila Brill, Luca Friedrich, Karin Horn, Lena Jukna, Guiok Kim, Hyerim Kim, Markus Koppenborg, Ariane Kovac, Sandra Machwitz, Felix Ostermann, Philipp Rück, Lena Schellhammer, Janina Schmidt, Kathrin Schorn, Ewa Strubelt, Tobias Walter, Mengyu Wu.